Das älteste Grenzmuseum steht in Thüringen, an der Grenze zu Hessen
Der Schifflersgrund zeigt die fast 40-jährige Teilung Deutschlands.
Eine enge Straße schlängelt sich den Berg hinauf. Bäume verdecken die Sicht. Doch dann gibt die Natur den Blick frei auf einen weißen, viereckigen Betonturm auf einer Anhöhe, umgeben von einem hohen Metallzaun. Doch was aussieht wie ein Relikt aus langer Vorzeit, war vor 17 Jahren noch ein Turm der DDR-Grenzsicherung. Von hier überwachten die Grenzer das Sperrgebiet zwischen Hessen und Thüringen — damals eine riesige, fünf Kilometer breite öde Wüstenlandschaft.
Heute hat sich die Natur das Gebiet zurückgeholt.
Der Turm steht in der Mitte des Museums „Schifflersgrund" und ist das eindrucksvollste Objekt der Ausstellung Etwa 850 dieser Türme gab es früher entlang der 1496 Kilometer langen Linie der Trennung zwischen beiden deutschen Staaten. Rund um den elf Meter hohen Turm stehen — umschlossen von einem Original-Grenzzaun — Fahrzeuge der DDR-Grenztruppen und der russischen Armee sowie Hubschrauber. „Wir wollen ein Stück Nachkriegswirklichkeit in Deutschland plastisch erlebbar machen", erläutert Wolfgang Ruske (66), Vorsitzender des Trägervereins. Damit werde die Erinnerung an die Teilung Deutschlands wach gehalten.
Die Führung durch die Ausstellung beginnt am Rand des Hügels, auf dem das Museum liegt. Von einer Aussichtsplattform fällt der Blick auf einen 1500 Meter langen Metallgitterzaun mit parallel verlaufendem Streifenweg. Diese Befestigung haben Ende der 70er-Jahre Pioniere der DDR-Grenztruppen errichtet. Ein Kilometer des drei Meter hohen Zauns kostete etwa 115.000 West-Mark. Zum Vergleich: Die Berliner Mauer (Länge des Sicherungssystems um Berlin: 155 Kilometer) kostete die DDR je Kilometer 830.000 Mark.
Parallel zum Zaun verlief der Kfz-Graben, dahinter ein Plattenweg für die motorisierten Patrouillen. Maximalgeschwindigkeit: 30 Kilometer pro Stunde. Bis Anfang der 80er-Jahre war der Todesstreifen darüber hinaus noch durch Minenfelder und Selbstschussanlagen gesichert. Auf Grund des weltweiten Drucks, der sich entspannenden sicherheitspolitischen Lage und der Konditionen eines von der Bundesrepublik gewährten Milliardenkredits wurden die Sicherungen entfernt, der Zaun 1982 mit Signalanlagen nachgerüstet, die bei Berührung Alarm auslösten.
Fluchtversuche gab es viele, einen in unmittelbarer Nähe des Museums. Am 23. März 1983 fuhr der 34-jährige Heinz-Josef Große mit seinem Bagger an den Zaun heran und kletterte auf die andere Seite. Grenzer gaben mehrere Schüsse auf den Flüchtenden ab, bis dieser schwer verletzt noch auf DDR-Territorium liegen blieb. Beamte des Bundesgrenzschutzes mussten wenige Meter entfernt mit ansehen, wie der 34-Jährige verblutete. Ein Kreuz im Hang hinter dem erhalten gebliebenen Zaun erinnert an den gescheiterten Fluchtversuch. Insgesamt kamen an der innerdeutschen Grenze und um Berlin seit Kriegsende 1945 über 1100 Menschen ums Leben.
Die Bundeswehr pflegt enge Beziehungen zu dem Museum. So gehören Oberst a.D. Wolf Biewald, früher stellvertretender Kommandeur der Artilleriebrigade 100 Mühlhausen, sowie ehemalige Soldaten und Reservisten dem Beirat an. Jährlich besuchen über 40.000 Menschen das Museum, darunter auch viele Schüler aus dem Ausland und Soldaten.
„Das Museum ist ein interessantes geschichtliches Dokument für alle Generationen", urteilt Stabsgefreiter Patrick Battenberg (27). Besonders beeindruckten ihn die vielen Einzelschicksale. Battenberg: „Auch wenn der im Grünen liegende Zaun und die Symbole der Grenze, wie der schwarz-rot-goldene Grenzpfosten, recht idyllisch wirken, wird in den tragischen Geschichten das viele Leid deutlich, das die Grenze verursacht hat." Es sei wichtig, so seine Überzeugung, dass diese Erinnerungen für nachfolgende Generationen bewahrt blieben. Obergefreiter Fabrice Richter (22) beeindrucken die Ausstellungsobjekte. „Ich kannte beispielsweise die Grenze überhaupt nicht", sagt er. Als Kind in der DDR habe er davon nichts mitbekommen. Sein Interesse für diesen Teil der deutschen Geschichte ist groß: „Das ist schließlich ein Teil der Geschichte unseres Landes."
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